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DER AUFRECHTE GANG :
Viele Menschen betrachten den aufrechten Gang als das entscheidende menschliche Wesensmerkmal - als den Innbegriff der Abgrenzung zum Tier. Das ist natürlich übertrieben (siehe die anderen Kapitelthemen dieser Seite)! Mit Sicherheit aber ist der aufrechte Gang eine überaus bedeutsame Eigenschaft unserer Spezies! Das Buch „DAS GEHEIMNIS DES AUFRECHTEN GANGS – Unsere Evolution verlief anders“ von Carsten Niemitz, einem Professor an der FU Berlin und Leiter des dortigen Instituts für Humanbiologie und Anthropologie, hat mich zum Verfassen dieses Kapitels inspiriert. Ich möchte aus nahe liegenden Gründen davon absehen, allzu umfangreich aus dieser Quelle zu schöpfen. Ich habe aber einige interessante Aspekte hieraus zusammengetragen! Wenn sich unsere menschlichen Hominiden-Vorfahren (es handelte sich um Hominiden der Art Australopithecus afarensis) nicht aufgerichtet und zu Zweibeinern geworden wären, wäre unsere evolutionsbiologische Erfolgsgeschichte mit Sicherheit ausgeblieben! Das Gehirn ist ein Adaptions-Organ, d.h. es passt sich an äussere Bedingungen an. Das „Freiwerden“ der Vordergliedmaßen (und somit erweiterte Bewegungsmöglichkeiten des Körpers) war ein sehr wichtiger Impuls für seine Weiterentwicklung. C. Niemitz vertritt die HYPOTHESE, dass sich unsere Urahnen entgegen der allgemeinen Annahme nicht mitten in der afrikanischen Savanne, sondern viel wahrscheinlicher in Küstenbereichen großer Binnengewässer oder an Meeresküstenbereichen aufgerichtet haben. Man muß sich zunächst fragen, welche Vorteile eine Körperaufrichtung den frühen Hominiden gebracht haben kann! Konnten sie sich dadurch etwa schneller fortbewegen? Fehlanzeige! Jeder Affe hopst weitaus schneller als ein Mensch. Konnten sie dann weiter sehen? Ja- gewiß! Aber ist es das wert? Das bedeutet ja im Gegenzug, dass man sowohl von Beutetieren als auch von Freßfeinden ebenfalls schneller gesehen wird. Da der Mensch aber im Vergleich zu den meisten vierbeinigen Landtieren nicht sonderlich schnell zu Fuß ist, kann ein Früher-gesehen-werden mitunter recht unangenehme Folgen haben! Außerdem: Wenn sich ein Affe einen Überblick verschaffen will, kann er sich ja zwischendurch einmal aufrichten, sich umschauen und dann wieder in gewohnter Manier auf das Ziel zubewegen. Plausibler hingegen erscheint eine Vorteilhaftigkeit des Aufrecht-Gehens in Bezug auf die Wärmeregulation des Körpers zu sein. Ein aufrecht gehender Mensch bietet der Sonne weniger Angriffsfläche. Aber das ist nicht unbedingt die Erklärung hierfür, wie es dazu kam! Wenn man wildlebende Affen beobachtet stellt man erstaunt fest, dass sie sich so gut wie nie absichtlich aufrichten. Sie können sich grundsätzlich für kurze Zeit aufrichten und auch einige Schritte ohne Unterstützung durch die Arme gehen – wenn sie wollen! Ein spektakuläres Beispiel eines nachhaltig aufgerichteten Schimpansen lebte vor einiger Zeit in einem israelischen Zoo. Nach einer überstandenen Hirnhautentzündung zeigte der Affe dieses untypische Verhalten und belegte eindrucksvoll, dass es einem Affen prinzipiell gar nicht ganz so furchtbar schwer fällt! Dennoch tun sie es im Allgemeinen fast nie. Anstatt sich nach Früchten zu recken die sich über ihrer Kopfhöhe befinden klettern sie entweder auf die Pflanze hoch oder biegen den Ast herunter. Nicht einmal für sexuelles Imponiergehabe richten sie sich auf! Da unsere ganz frühen Vorfahren ja aus einer Affen-Abstammungslinie abzweigten * und auch die Lebensgewohnheiten und -bedingungen von Affen teilten, fragt man sich warum sie dann ausgerechnet auf diesen Trip gekommen sind, zumal die Vorteilhaftigkeit des aufrechten Ganges unter den Bedingungen der betreffenden Zeit durchaus in Frage gestellt werden muß?! *) Vergleichende Analysen der Chromosomen, der DNA-Sequenz, der ribosomalen und mitochondralen DNA-Sequenzen gelten innerhalb der Naturwissenschaft als Beleg für diesen Sachverhalt
Der menschliche Fuß Mit dem Fuß des Menschen scheint das Gegenteil von dem geschehen zu sein, was seinem Hirn widerfuhr! Das Gehirn wurde immer größer und komplexer! Es erreichte eine beispiellose Verschaltungsarchitektur mit unzähligen wechselwirkenden Rückkopplungsschleifen! Es erhielt einen präfrontalen Cortex von einer kritischen Größe, der uns ein Bewusstsein und die Fähigkeit zum selbstbezogenen, planerischen Handeln verleiht! Und der Fuß?! Von einem einstmals universell einsetzbaren Greiforgan ist nur noch ein reiner Stand-und Gehfuß übrig geblieben. Wer nicht gerade zufällig ohne Arme geboren wird, verzichtet i.d.R. gern auf die stark eingeschränkten Greiffunktionen, die man mit einem Menschenfuß bei entsprechendem Training noch ausführen kann. Unsere modernen Lebensumstände erfordern dies ja schließlich auch nicht und die verloren gegangene Greiffunktion wird durch den völlig aufgerichteten zweibeinigen Gang und die dadurch komplett freien Arme und Hände maximal superkompensiert! Ich finde diesen Umstand aus dem Grunde interessant, weil er belegt, dass auch ein lokaler Funktionsverlust die Höherentwicklung eines Organismus begünstigen kann! In Bezug auf Genmutationen behaupten die Kreationisten entgegen erwiesener Tatsachen vehement, dass diese IMMER nachteilhafte Ergebnisse nach sich ziehen würden! Ein konkretes Gegenbeispiel begegnet uns im Fall des finnischen Langläufers Eero Mantyrant, dessen Sauerstoffaufnahmekapazität infolge eines Gendefektes anomal gesteigert ist–und zwar zu seinem Vorteil! Und am Beispiel des menschlichen Fußes sieht man diese „Paradoxie“ (Funktionsverlust oder –einschränkung eines Organes und dadurch begünstigte Höherentwicklung des gesamten Organismus) eben nicht am Beispiel einzelner Gene oder deren Funktionen, sondern auf einer makroskopischen Ebene!
Wir haben im Allgemeinen natürlich nicht das Gefühl ziemlich große Füße zu besitzen! Wir werden ja so geboren und sind automatisch daran gewöhnt. Außerdem laufen alle anderen Menschen natürlich auch so rum! In Wirklichkeit aber haben wir tatsächlich alle ziemlich große Flossen! Eigentlich sogar deutlich zu große! "Betrachtet man die Fußsohlen eines Gorillas, eines Schimpansen und eines Menschen nebeneinander, so erkennt man, dass der Fuß des Schimpansen eine recht kleine Sohlenfläche besitzt. Beim Gorilla und beim Menschen fallen die „Naturschuhe“ eine Nummer größer aus. Für den Unterschied zwischen Schimpansen und Gorilla ist deren Gewicht verantwortlich; ein kräftiger Prachtkerl von Gorilla beispielsweise braucht für seine über 180 Kilogramm Körpermasse (beim Grauers Gorilla im Osten des Kongos bringen die Silberrücken auch ohne weiteres 200 Kilogramm auf die Waage) eben eine entsprechend größere Unterlage. Außerdem stützen sich diese Menschenaffen auch auf den Knöcheln der Finger ab. Diese Fläche muß man hinzuzählen. Trotzdem fällt die Standfläche des menschlichen Fußes im Vergleich erstaunlich groß aus…" "……….Größere Füße als nötig hat aber kein Säugetier. Denn beim Gehen muß jedes Gramm des aufgesetzten, also stehenden Fußes auf eine den Körper überholende Geschwindigkeit beschleunigt und dann zum Aufsetzen wieder abgebremst werden. Ein höheres Gewicht des Fußes kostet unnötig Energie. Schlimmer aber ist, das sich jedes überflüssige Gramm messbar vermindernd auf die erreichbare Spitzengeschwindigkeit auswirkt! Jedes Tier mit etwas schwereren Füßen fällt also einem Raubfeind leichter zum Opfer……" Aus "Das Geheimnis des aufrechten Gangs" v. C. Niemitz S.114 u. 115
Abb. unten: Die menschliche Fußsohle ist weitaus größer, als sie unter rein funktionalen (biokinetischen, -mechanischen) Aspekten sein müsste!
Allerdings: Für langsames Waten und Wandern sind große Füße erstaunlicher Weise wieder besser geeignet! "Beim
langsamen Gehen treffen aber völlig andere funktionelle Bedürfnisse zu als
bei der schnellen Flucht vor einem Raubtier: Das Vorschwingen des
Spielbeines und des unbelasteten Fußes erfolgt zu einem ganz maßgeblichen
Anteil mit außerordentlich geringer Muskelbeteiligung, weil das hinten
lediglich leicht abgehobene Bein ohne Muskelkraft als Pendel nach vorne
schwingen kann." Aus "Das Geheimnis des aufrechten Gangs" v. C. Niemitz S. 116
Der Mensch scheint also von Grund auf für gemütliches oder sagen wir ausdauerndes Wandern (oder Waten) konstruiert zu sein! Nicht nur die Füße, auch die Relationen zwischen Rumpflänge und Länge der Beine variiert beim Menschen gegenüber den Affen! Der Mensch hat weitaus längere Beine! Ich will es kurz machen. Auf was will der Autor Carsten Niemitz hinaus? Wie eingangs erwähnt vermutet er den Beginn des aufrechten Ganges innerhalb von Hominiden-Populationen, die in Ufergebieten von Küsten- oder Binnengewässern lebten.
In einem solchen Lebensraum bestünde die Möglichkeit, qualitativ hervorragende Nahrung mit einem hohen Anteil an tierischen Proteinen unter relativ geringem Aufwand zu finden! Schalen-und Krustentiere wie Krebse, Krabben, Muscheln, anderweitige Wirbellose sowie manche Amphibien und kleinere Fische kämen als Beute in Frage! Diese Nahrungstiere wären in einem warmen afrikanischen Küsten- oder Binnengewässer stetig vorhanden und ihr natürlicher Bestand wäre nur geringfügigen jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen! Man darf davon ausgehen, dass diese Nahrungsquelle auch in üppigen Mengen vorhanden und somit die Frage nach der kontinuierlich hohen Energiebeschaffung für eine Verkürzung der Gedärme (der Verdauungstrakt ist neben dem Hirn der zweitgrößte Energiefresser im Körper) und die Evolution eines Turbo-Hirns auch in dieser Hypothese eine annehmbare Antwort findet! Diese Beute einzusammeln ist viel einfacher und ungefährlicher, als sich mit schnell und ausdauernd flüchtenden oder mit großen, wehrhaften Beutetieren wie z.B. Mammuts anzulegen. Das taten die Urmenschen erst viel später als ihre Hirne dazu fähig waren Jagdstrategien anzuwenden und gefährliche, scharfe Waffen zu benutzen! Die ziemlich großen Füße des Menschen könnten den Zweck erfüllt haben, ein tiefes Einsinken im Uferschlick zu verhindern, so wie die im Vergleich zu anderen Raubkatzen großen Tatzen des Luchses ein zu tiefes Einsinken im Tiefschnee verhindern. Durch das Waten im Wasser hatten unsere Vorfahren eine zunehmend aufgerichtete Körperhaltung! Wenn man erst mal bis über den Bauch im Wasser steht bekommt der Oberkörper automatisch Auftrieb. In noch tieferem Gewässer kann man sich dann mit den Fußsspitzen vorantasten und ggf. sensorisch abklären, wo das Wasser wieder seichter wird und wo man weiterhin stehen kann. Schlaganfallpatienten die das Laufen wieder lernen müssen, trainieren auch in Wasserbecken wo sie unter den Bedingungen einer durch den Körperauftrieb reduzierten Schwerkraft schnellere Fortschritte erzielen! Über viele Generationen hinweg könnte also ein solches Lebensumfeld die frühesten menschlichen Vorfahren zu einer zunehmend vertikaleren Körperhaltung gebracht und letztlich bis zur Fähigkeit geführt haben, auch an Land aufrecht zu gehen. "In so einem angenommenen Szenario sind insbesondere lange Beine von besonderem Wert! Bei niedrigem Wasser fließt weniger Wasser gegen den Bauch, sondern leichter zwischen den Beinen hindurch, was Energie spart und größere Geschwindigkeit ermöglicht.."
"...Bei einer Wassertiefe über dem Bauchnabel ragt bei längeren Beinen oder einem längeren Rumpf ein größerer Teil des Oberkörpers aus dem Wasser. Da dieser keinen Auftrieb erhält, kann das Individuum mehr Kraft mit den Füßen übertragen, was das Gehen erleichtert und die erreichbare Geschwindigkeit erhöht. Bei kurzen Beinen wird man im Gegensatz hierzu durch den Auftrieb so leicht, dass das Gehen sehr schwer fällt..."
"Bei noch tieferem Wasser muss ein Primat mit kurzen Beinen schwimmen. Er hat keine Information mehr über die aktuelle Wassertiefe was sehr gefährlich werden kann. Mit längeren Beinen kann man auf Zehenspitzen hüpfend in flacheres Wasser gelangen."
"Unsere frühesten, aufrecht gehenden Vorfahren waren als Übergangsformen anatomisch schlecht ausgerüstete, unsichere Zweifüßer. Im Wasser kann man sich als unsicherer Aufrechtgänger sicherer fortbewegen als an der Luft, denn das dickflüssigere Element wirkt etwa wie ein fließendes Stützkissen(..……). Wegen des niedrigeren Gewichtes ist außerdem die Belastung der noch nicht optimal konstruierten Gelenke geringer…" Aus "Das Geheimnis des aufrechten Gangs" v. C. Niemitz S.217 Lange Beine bieten noch einen weiteren Vorteil wenn man im Wasser steht: Wenn man von einer höheren Position auf die Wasseroberfläche hinunter schaut, wirken sich die Spiegelungen (durch die Lichtbrechung) nicht so störend auf die Sicht darauf aus, was sich am Grund befindet. Carsten Niemitz stützt seine Hypothese durch einen weiteren Sachverhalt: Fast alle Männer empfinden lange Beine als sexuell attraktiv!
Dies deutet laut Niemitz darauf hin, dass die sexuelle Vorliebe auf lange Beine evolutionsgeschichtliche Hintergründe haben kann und ursprünglich zur selektiven Entstehung langer Beine beigetragen hat! Kreationisten mögen an diesem Punkt vielleicht die Frage einwenden, warum Menschen dann keine 2 Meter langen Beine erhalten haben?! Nun- adaptive Anpassungen erfolgen natürlich immer nur innerhalb funktionaler Grenzen, d.h. innerhalb jener Variabeln, die einen Überlebensvorteil bieten! Der planerisch vorgehende Mensch kann es sich innerhalb eines gewissen Rahmens leisten Unsinnigkeiten zu fabrizieren, etwa einen PKW mit 1000 PS zum Preis von 3 Einfamilienhäusern! Wer in Geld schwimmt und zudem einen Auto-Fable hat, den interessiert weder das Preis-Leistungs-Verhältnis noch die Tatsache, dass man so eine Karre nirgendwo ausfahren kann! „……Natürliche Selektionswerte müssen aber immer Kompromisse eingehen (mit langen Beinen kann man schneller laufen, sich die langen Beine aber auch leichter brechen usw.)….“ Aus "Das Geheimnis des aufrechten Gangs" v. C. Niemitz S. 115
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